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Thesen für eine
Strategiedebatte der österreichischen Friedensbewegung
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Die folgenden Thesen
wurden vor dem 11. September 2001 (vor den Terroranschlägen in den USA)
formuliert und auf der 8. ordentlichen
Vollversammlung der Friedenswerkstatt Linz am 13. September 2001
beschlossen. Unserer Meinung nach behalten die beschriebenen Tendenzen
und notwendigen Aufgaben einer
österreichischen Friedensbewegung - trotz der aktuellen Ereignisse
(siehe auch den Beschluss „Vor dem
Abgrund“) - nach wie vor ihre Gültigkeit. In Zeiten, in denen
unter dem Etikett des „Kampfes gegen den Terrorismus“ der
„Burgfrieden“ und der „Schulterschluss“ mit den Militarisierern
im eigenen Land propagiert wird, ist eine differenzierte Analyse
wichtiger denn je. |
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1. Die Europäische Union ist kein „neutraler“ Integrationsprozess, dessen Inhalt und Entwicklung offen ist. Die EU ist das Vehikel der reaktionären Kräfte, die Länder dieses Kontinentes zu einer militärischen Supermacht zu formen und die auf Basis der Nationalstaaten entwickelten sozialen, ökologischen und friedenspolitischen Errungenschaften auszuradieren bzw. neoliberal zu transformieren. Die Grundlagen der EU sind die Verpflichtung der Mitgliedstaaten auf eine neoliberale Wirtschaftspolitik (Währungsunion, Stabilitätspakt, EZB, Deregulierung, Binnenmarkt) und der Aufbau militärischer Angriffskapazitäten (Euro-Armee, Zentralisierung der Rüstungsindustrie, Interventionsdoktrin). Aufrüstung und Sozialabbau, Neoliberalismus und Kriegsvorbereitung sind die zwei untrennbaren Seiten der EU-Medaille. Je offensichtlicher sich diese Politik gegen die Interessen großer Bevölkerungsteile richtet, desto mehr werden unkontrollierte polizei- und überwachungsstaatliche Apparate ausgebaut (Europol, Enfopol, Schengen). 2. Nach dem Ende der
Systemkonkurrenz entbrennt die Konkurrenz der Standorte. Die Welt wird
neu durchhierarchisiert. Und an der Spitze der Pyramide kann - so die
unerbittliche Logik von Weltmarkt- und Weltmachtkonkurrenz - nur einer
stehen. Bislang waren das unangefochten die USA. Die EU hat den
Fehdehandschuh hingeworfen. Deshalb kommt nach dem Euro die Euro-Armee.
Mr. GASP Javier Solana, spricht diesen Weltführungsanspruch offen aus:
„Bis 2003 wollen wir die Nummer 1 beim Krisenmanagement sein.“ Der
Kampf um die Neuaufteilung von geopolitischen Einflusszonen,
Rohstofflagern, Kapital- und Absatzmärkten droht eine neue Runde des
Wettrüstens zwischen den USA und der EU einzuläuten und führt zu
Stellvertreterkriegen an der Peripherie. 3. Die Zentralisierung
Europas zu einer Weltmacht ist ein hegemonialer Prozess, der von den
deutschen Eliten dominiert wird. Diese machen daraus kein Hehl.
Deutschland soll „sich zu seiner Weltmachtrolle bekennen“ (Kohl,
1991), „ein drittes Mal probieren, woran wir zweimal zuvor in diesem
Jahrhundert gescheitert sind“ (Kinkel, 1993), „eine sanfte Hegemonie
über Europa anstreben“ (Fischer, 1995). Die ethnische Filetierung
Jugoslawiens war der Probegallop der „Berliner Republik“ für die
Beendigung der Nachkriegsordnung, der Bombenkrieg gegen Belgrad die
„Geburtsstunde des atlantischen Europas“ (Schröder, 1999). 4. Das Neuerwachen des
deutschen Imperialismus müsste in Österreich alle Alarmglocken läuten
lassen. Die 2. Republik ist das Resultat der verheerenden Verstrickung
in die Weltmachtsambitionen der deutschen Eliten. Der österreichische
Nationalstaat gründet nicht auf Ethnizismus sondern im politischen
Bekenntnis zu Kleinstaatlichkeit und der Verpflichtung zur
Nicht-Teilnahme an Kriegen. Faschismus und Weltkrieg haben auch gelehrt:
die politische Unabhängigkeit Österreichs kann nur gewährleistet
werden, wenn die Schlüsselbereiche von Industrie und Finanzwirtschaft
in öffentlichem Eigentum sind. Neutralität, Staatsvertrag und
Verstaatlichtengesetze sind daher die Geburtsurkunde und das
Lebenselexier der 2. Republik. Österreich existiert auf dieser
antifaschistischen und antimilitaristischen Grundlage - oder es
existiert nicht bzw. lediglich als Trabant deutscher Politik. 5. Diese politischen
und sozialen Fundamente Österreichs werden durch die EU ausgehöhlt:
die Liquidierung von Verstaatlichter und Gemeinwirtschaft, die
Deregulierung und Liberalisierung der Märkte und die schrittweise
Demontage von Neutralität und Staatsvertrag sind Wegmarkierungen der
Vor- und Nachbereitung des EU-Beitrittes Österreichs. In Konsequenz
wird - in Anlehnung an die Remilitarisierung der deutschen Außenpolitik
- die Wiederbelebung von Großmachtsambitionen bei den österreichischen
Machteliten unverkennbar. Mit dem Kriegsermächtigungsartikel 23f wurde
die Bereitschaft zur Beteiligung an EU-Kriegen in Verfassungsrang
erhoben und die legistischen Grundlagen für die Aufstellung eines österreichischen
Euro-Korps geschaffen. „Die Sicherung des weltweiten Zugangs zu
strategischen Rohstoffen“ wird heute bereits als Aufgabe des österreichischen
Bundesheeres definiert. 6. Österreich
„anti-national“ zu verschmähen - wie es in links-liberalen Kreisen
chic geworden ist - führt nicht ins gelobte Land der globalen
Zivilgesellschaft sondern in die schnöden Arme des deutschen
Imperialismus und seiner EUropäischen Verbrämung. Dorthin also, wo die
schwarz-blaue Regierung mit Riesenschritten hineilt. Das Eintreten für
ein unabhängiges und neutrales Österreich ist für uns die Grundlage für
eine antirassistische und internationalistische Politik. 7. Anfang 2001 kam Mr.
GASP Javier Solana zur Befehlsausgabe nach Österreich. Sein
Marschbefehl: die Neutralität ist obsolet, gefordert ist die volle
Teilnahme Österreichs an der Euro-Armee im Gewand der
„Allianzfreiheit“. Der Grund ist einfach. Die EU wünscht sich Länder
wie Österreich, die nicht der NATO angehören, aber voll in die
EU-Militärpolitik integriert sind. Damit kann der Spalt zwischen EU und
USA geweitet und die eigenständige Militarisierung der EU
vorangetrieben werden. Der scheinbar kleine semantische Unterschied
zwischen Neutralität und Allianzfreiheit ist politisch ein riesengroßer.
„Allianzfreiheit“ ermöglicht es, überall mitzumarschieren und
mitzuschießen, während Neutralität die Verpflichtung zur
Nicht-Teilnahme an Kriegen festschreibt. 8. In Abwandlung von
Wilhelm II meinte der freiheitliche Verteidigungsminister Scheibner, er
wolle „keine blaue, schwarze, rote oder grüne sondern nur eine
gemeinsame Sicherheitspolitik“. Dieser „Burgfrieden“ ist in Österreich
zum Greifen nah. Als Javier Solana im Stile eines Kolonialverwalters
geltendes österreichisches Verfassungsrecht für obsolet erklärte, kam
das Führungspersonal aller Parlamentsparteien zur Huldigung. Von Pilz
bis Scheibner, von Gusenbauer bis Schüssel, alle wollen sie nun
„Allianzfreiheit“ und Euro-Armee. Hinter viel Theaterdonner schält
sich die Teilnahme an der Militarisierung der EU als innenpolitischer
Konsens der Spitzen aller Parlamentsparteien heraus. 9. Burgfrieden läuft
darauf hinaus, mit Menschenrechtsrhetorik und Antiamerikanismus EU-Hochrüstungspläne
und Militärinterventionen zu legitimieren. Die einzige Chance, das zu
verhindern, ist eine Friedensbewegung, die aus diesem Burgfrieden
ausbricht. Nicht vordergründiger Antiamerikanismus sondern nur
kompromissloser Antimilitarismus, nicht Schulterschluss mit den eigenen
Machteliten, sondern mit den Friedenskräften und Befreiungsbewegungen
auf anderen Kontinenten, kann daher die Perspektive der Friedensbewegung
sein. EU und USA stehen nicht für alternative Systeme, sondern für die
Rivalität um die Kommandohöhen desselben Systems, dessen Logik sich
zunehmend auf „zwei Währungen“ reduziert: „wirtschaftliche Macht
und die militärischen Mittel sie umzusetzen“ (General Klaus Naumann,
eh. Generaltruppeninspekteur der deutschen Bundeswehr). 10. Dieser
Antimilitarismus muss daher eingebettet sein in eine an die Wurzel
gehende Systemkritik. Die von USA und EU geführten und vorbereiteten
Interventionskriege dienen nicht der Wahrung von Menschenrechten,
sondern der Aufrechterhaltung eines Wirtschaftssystems, das eine
weltgeschichtlich einmalige Ungleichverteilung hervorgebracht hat, die
alle Menschenrechte mit Füßen tritt: Mitte der 1960er-Jahre verdiente
das reichste Fünftel der Weltbevölkerung 30 Mal soviel wie das ärmste
Fünftel, heute bereits mehr als 75 Mal soviel. Das Vermögen der
weltweit 358 Dollarmilliardäre entspricht dem Gesamteinkommen der
unteren 45 Prozent der Menschheit. 11. Mit dem NATO-Angriffskrieg gegen Jugoslawien haben USA und EU bewiesen, dass sie eine Politik des internationalen Faustrechtes zur Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen und politischen Interessen verfolgen. Es gibt also jeden Grund, die Errungenschaften der UNO und des Völkerrechtes gegen die völkerrechtswidrige Politik von NATO und EU zu verteidigen. Es gibt aber umgekehrt, überhaupt keinen Grund, die eigene Neutralität auf dem Altar des UN-Sicherheitsrates zu opfern. Ist ein Krieg kein Krieg mehr, wenn die Kräfteverhältnisse und Opportunitätsüberlegungen im Sicherheitsrat gerade danach sind, dass Aggressionen befürwortet werden, wie etwa beim Golfkrieg Anfang der 1990er-Jahre, der (mit den Folgewirkungen) wahrscheinlich einer Million Iraker das Leben gekostet hat. Das gilt umso mehr, als gerade jene Kräfte, die die Preisgabe der Neutralität zugunsten von UN-mandatierten Kriegseinsätzen fordern, Vorschläge zur UN-Reform unterbreiten (Aushebelung des Veto-Rechtes im Sicherheitsrat), die die Vereinten Nationen zu einem billigen Akklamationsinstrument für Militäraktionen der großen Machtblöcke degradieren würden. Es kann die Vereinten Nationen und die Zivilisierung der internationalen Beziehungen nur stärken, wenn sich möglichst viele Länder dazu verpflichten, an keinen Kriegen teilzunehmen, sondern sich auf zivile Formen der Konfliktvermittlung und -prävention zu konzentrieren. 12. Der Versuch, die EU
auf der Grundlage von Binnenmarkt, Maastricht, Amsterdam und Nizza in
eine „Friedens- und Zivilmacht“ überzuführen, gleicht dem Versuch,
Tiger zu Vegetariern zu machen. Doch was - außer hohlem Pathos - bleibt
von der EU, wenn man von diesen Grundlagenverträgen abstrahiert. Die EU
ist nicht der Weg zu einem friedlichen, solidarischen, ökologischen und
weltoffenen Europa, sie ist das entscheidende Hindernis dafür. Aufgabe
von Friedenskräften und fortschrittlichen Bewegungen ist es, starke
EU-Oppositionsbewegungen gegen den weiteren Zentralisierungsprozess von
Wirtschaft und Politik in Richtung eines aggressiven Großeuropas zu
entwickeln. Die aktuelle Herausforderung für die österreichische
Friedensbewegung ist die Verhinderung der Teilnahme österreichischer
Truppen an der Euro-Armee und die Entfernung des Kriegsermächtigungsartikels
23f aus der österreichischen Verfassung. 13. Ohne Bereitschaft
zum Austritt aus der EU sind diese Forderungen jedoch zahnlos.
Insbesondere die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) der EU
und ein neutrales Österreich, das heißt eine souveräne, an
internationaler Konfliktvermittlung und -vorbeugung ausgerichtete Außenpolitik,
sind unvereinbar. Die Vorbereitung von weltweiten Militärinterventionen
und die Verpflichtung zur Nicht-Teilnahme an Kriegen, passen nicht
zusammen, welch spitzfindige juristische Winkelzüge auch immer bemüht
werden. Ein souveränes, kleinstaatliches, nicht-aggressives Österreich
ist undenkbar, ohne eine klar gegen die EU-Verträge gerichtete
anti-neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik, die den kleinräumigen
Binnenmarkt schützt, öffentliches Eigentum in strategischen
Wirtschaftsbereichen sichert und in Bildung, Umweltschutz, Gesundheit
und soziale Sicherheit statt in neues Kriegsgerät investiert. Für Österreich
ist der EU-Austritt aufgrund seiner historischen Erfahrungen und der Nähe
zu Deutschland von besonderer Bedeutung. 14. Neutralität und
Souveränität sind die Voraussetzung für die Solidarität mit den von
EU, USA und NATO unterdrückten und bevormundeten Ländern des Südens
und Ostens. Kleine neutrale Staaten außerhalb dieser großen Machtblöcke
können der Grundstein für neue, weltoffene Allianzen blockfreier Länder
des Nordens, Ostens und Südens werden. Friedensbewegungen in der „1.
Welt“ und Befreiungsbewegungen im Trikont müssen zum gemeinsamen
Widerstand gegen Neokolonialismus und militärischen Interventionismus
finden. 15. Auch wenn wir
derzeit viel zu wenige sind und die Gegner übermächtig scheinen: die
Tatsache, dass die Herrschenden um fast jeden Preis den
„Burgfrieden“ haben wollen, verweist auf die Brüchigkeit ihres
Konzeptes gegenüber der breiten Masse der Bevölkerung, vor der mit
allen zur Verfügung stehenden Winkelzügen und Ablenkungsmanövern die
wahren Absichten versteckt werden. Das Selbstverständnis eines kleinen,
nicht-aggressiven Österreich ist tief ins Bewusstsein der Bevölkerung
eingedrungen - jedoch keineswegs irreversibel. Die Verantwortung für
die Friedenskräfte ist groß. Denn es gibt beide Traditionen in diesem
Land: diejenige der Souveränität und Kriegsgegnerschaft und diejenige
des Anschlusses und der Bluthunde. Tertium non datur.*) *) Ein Drittes gibt es nicht. |
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