Arbeitskampf in der Slowakei gegen Papierkonzern Mondi/Neusiedler
Hungerlöhne von ein bis zwei Euro in der Stunde

Im slowakischen Ruzomberok wehren sich die ArbeiterInnen des Neusiedler/Mondi-Werks gegen Hungerlöhne. Der Papierkonzern, in dem der Chef der österreichischen Industriellenvereinigung, Veit Sorger, Aufsichtsratspräsident ist, antwortet mit Repression.

Ein Musterbrief an Mondi mit dem Anliegen, die Gewerkschaft in ihrem Arbeitskampf zu unterstützen, findet sich hier [als PDF].

Im September 2004 wurde im Neusiedler/Mondi-Werk im slowakischen Ruzomberok eine Petition für Lohnerhöhungen bekannt, die eine breite Unterstützung unter den Beschäftigten des Betriebes fand. Bereits zwei Tage nach der Veröffentlichung hatten 500 Beschäftigte die Petition unterzeichnet. Nach weiteren zwei Wochen unterstützten 95 % der Belegschaft die Forderungen.

Gewerkschaftsaktivisten müssen vermummt auftreten

Die Reaktion des Managements war deutlich. Die fünf Initiatoren der Kampagne wurden entlassen. Spätestens seit damals herrscht im Werk große Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Slowakische Zeitungen brachten Bilder von Beschäftigten, die sich nur mit ums Gesicht gewickelten Tüchern, sowie mit Sonnenbrillen und Kapuzensweatern vermummt trauten, ihren Protest öffentlich kund zu tun. Sobald es dem Management gelungen war, einzelne KollegInnen zu identifizieren, wurden diese ebenso entlassen. Selbst bei der Veranstaltung in Wien(*) weigerte sich einer der aus Slowakien angereisten Sprecher, seine Stimme auf Band für eine Radiosendung aufzeichnen zu lassen und verwies darauf, dass ein Mitglied des Managements österreichischer Staatsbürger sei. Dr. Veit Sorger, Präsident der österreichischen Industriellenvereinigung ist Aufsichtsratsvorsitzender bei Mondi Businesspaper (ehem. Neusiedler AG), sowie Aufsichtsratsvorsitzender in der slowakischen Abteilung des Unternehmens.

Konzernleitung klagt Gewerkschaft auf Rufschädigung

Dem Management gelang es, die Produktivität des Betriebes mittels Rationalisierungsmaßnahmen und erhöhtem Leistungsdruck auf die Werktätigen um 40 % - 50 % zu erhöhen. Entsprechende Lohnerhöhungen gab es nicht! Da die offizielle Gewerkschaft KOZ gegen die Initiativen für höhere Löhne aufgetreten war, kam es zur Gründung der neuen Gewerkschaft ZOO-Papier. Während die „alte Gewerkschaft“ (O-Ton der slowakischen Sprecher des Werks) eine nur sehr bescheidene Lohnerhöhung ausverhandelt hatte, klagte Neusiedler/Mondi ZOO-Papier auf 519.000 Euro wegen Rufschädigung!

Der Stundenlohn liegt zwischen ein bis zwei Euro. „Spitzenangestellte“ verdienen monatlich zwischen 350 Euro und 500 Euro. Monatsmieten für Wohnungen in der Höhe von 200 Euro sind üblich. Diese Menschen haben Familien! 2004 wurde die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel von 10 % auf 19 % erhöht. Eine sogenannte Sozialreform (betrifft u. a. das Gesundheits- und Bildungswesen) führte zu einer zusätzlichen Verteuerung der Lebenshaltungskosten.

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 20 %. Ruzomberok ist eine Kleinstadt. Arbeitsplätze sind rar. Jobs gibt es oft nur weit vom Wohnort entfernt. Arbeitslosenunterstützung erhalten die Entlassenen maximal sechs Monate lang. Ist dieser Anspruch einmal erloschen, müssen die Familien der Kollegen mit dem Einkommen ihrer Lebensgefährtinnen durchkommen.

Die KollegInnen in Ruzomberok kämpfen für die Verbesserung ihrer Lebenssituation und um ihr Recht, sich in einer Gewerkschaft ihrer Wahl zu organisieren. ZOO-Papier ging nun vor Gericht, um ihr Recht auf Anerkennung, sowie das Recht als offizielle Verhandlungspartnerin gegenüber dem Management anerkannt zu werden durchzusetzen. Eine Klage bei ILO (International Labour Organisation) ist in Vorbereitung.

Wo bleibt Unterstützung durch ÖGB?

Bislang gab es keine offizielle Unterstützung seitens österreichischer Gewerkschaften! Aus der Sicht österreichischer Lohnabhängiger ist das fatal, da die Löhne in der Slowakei im Vergleich zu hiesigen Löhnen sehr niedrig sind. Ein leichtes Spiel für Unternehmen, mit der Abwanderung in ein Billiglohnland zu drohen, sollten die Forderungen bei kommenden Lohnrunden nicht „realistisch“ sein.

Nachtrag:

Die Gewerkschaftsaktivisten konnten einen ersten Erfolg erzielen. Anfang Juli 2005 entschied ein slowakisches Gericht, dass die entlassenen ArbeiterInnen wieder eingestellt und die Löhne nachbezahlt werden müssen.

Roman Dietinger

Ein Musterbrief an Mondi mit dem Anliegen, die Gewerkschaft in ihrem Arbeitskampf zu unterstützen, findet sich hier [als PDF].

Anmerkung:
(*) Veranstaltung der Sozialistischen Linkspartei mit Aktivisten der Gewerkschaft ZOO am 25.4.2005

aus: guernica 5/2005